Christoph Scholz gab folgende Einführung in das Programm:

Carl Philipp Emanuel Bach: Die Israeliten in der Wüste

Das Oratorium „Die Israeliten in der Wüste“ befasst sich mit dem Urthema des jüdisch-christlichen Glaubens: Die Befreiung aus der Sklaverei und der Weg in die Freiheit. Am Anfang der Bibel, bzw. Thora, d. h. als ältestes Buch, steht nicht die Erschaffung der Welt, sondern die Befreiung aus Ägypten (Buch Exodus). Aber der Weg aus Sklaverei und Abhängigkeit ist mühsam, er führt durch die Wüste. Der Preis für die Freiheit ist hoch: Hunger, Durst, Heimatlosigkeit und  mühsames Unterwegssein. Angesichts des Leidens und der Entbehrungen sieht das Volk keinen Sinn mehr in seiner Situation, es sehnt sich sogar zurück. Das Volk hat sich die Freiheit anders vorgestellt, es begehrt auf, klagt Gott an und überhäuft seine Führer mit Vorwürfen. Moses und Aaron haben große Schwierigkeiten, das befreite, aber noch nicht beheimatete Volk durch die Wüste zu führen. Doch als Mose Gott inständig um Erbarmen bittet, findet er bei Gott Gehör.

Dieses zentrale Geschehen der jüdischen und christlichen Religionen ist das Thema des Oratoriums „Die Israeliten in der Wüste“ von Carl Philipp Emanuel Bach (Text: Daniel Schiebler). Diese Geschichte ist aber auch Sinnbild jeglicher Befreiung und Emanzipation: Der Weg zur seelischen, beziehungsmäßigen oder politischen Freiheit führt durch die Wüste der Entbehrung, des Mangels und des Zweifels.

Musikgeschichtlich steht dieses Oratorium zwischen den großen Werken des Barock und der Wiener Klassik. Vorbild für den bedeutendsten Bachsohn ist neben dem Vater besonders sein Vorgänger im Amt des Kirchenmusikdirektors in Hamburg, Georg Philipp Telemann, der im übrigen auch sein Patenonkel ist. Mit Telemann beginnt das aufstrebende und wohlhabende Bürgertum der Hansestadt, ein eigenständiges, von der Kirche unabhängiges Musikleben zu etablieren. In diesem Sinne ist das geistliche Oratorium „Die Israeliten in der Wüste“ von C. P. E. Bach dem Geschmack der Zeit und den Ideen der Aufklärung entsprechend ein Werk, das sich einer ungekünstelten, natürlicheren Musikästhetik verschreibt. C. P. E. Bach ist der wichtigste Vertreter dieser Ästhetik der sogenannten „Empfindsamkeit“, die Voraussetzung auch für die Wiener Klassik ist (für Haydn ist C. P. E. Bach das wichtigste Vorbild!).

Zwischen den beiden Teilen des Oratoriums erklingt die Vertonung des „Heilig“ für zwei vierstimmige Chöre, das zu Bachs Hamburger Zeit zu seinen berühmtesten Werken zählte. Das kurze Werk ist sehr abwechslungsreich komponiert. Homophone, fugierte, doppelchörige Abschnitte und sogar hymnische Unisonopassagen, die an Mendelssohns Choralbearbeitungen (vgl. „Lobgesang“) erinnern, wechseln sich ab. Carl Philipp Emanuel Bach verwendet dabei sehr ausdrucksstarke dynamische Kontraste und eine in seiner Zeit geradezu schockierende Harmonik.