Carl
Philipp Emanuel Bach: Die Israeliten in der Wüste
Das Oratorium „Die
Israeliten in der Wüste“ befasst sich mit dem Urthema des jüdisch-christlichen
Glaubens: Die Befreiung aus der Sklaverei und der Weg in die Freiheit. Am Anfang
der Bibel, bzw. Thora, d. h. als ältestes Buch, steht nicht die Erschaffung der
Welt, sondern die Befreiung aus Ägypten (Buch Exodus). Aber der Weg aus
Sklaverei und Abhängigkeit ist mühsam, er führt durch die Wüste. Der Preis für
die Freiheit ist hoch: Hunger, Durst, Heimatlosigkeit und
mühsames Unterwegssein. Angesichts des Leidens und der Entbehrungen
sieht das Volk keinen Sinn mehr in seiner Situation, es sehnt sich sogar zurück.
Das Volk hat sich die Freiheit anders vorgestellt, es begehrt auf, klagt Gott an
und überhäuft seine Führer mit Vorwürfen. Moses und Aaron haben große
Schwierigkeiten, das befreite, aber noch nicht beheimatete Volk durch die Wüste
zu führen. Doch als Mose Gott inständig um Erbarmen bittet, findet er bei Gott
Gehör.
Dieses zentrale
Geschehen der jüdischen und christlichen Religionen ist das Thema des
Oratoriums „Die Israeliten in der Wüste“ von Carl Philipp Emanuel Bach
(Text: Daniel Schiebler). Diese Geschichte ist aber auch Sinnbild jeglicher
Befreiung und Emanzipation: Der Weg zur seelischen, beziehungsmäßigen oder
politischen Freiheit führt durch die Wüste der Entbehrung, des Mangels und des
Zweifels.
Musikgeschichtlich steht dieses Oratorium zwischen den großen
Werken des Barock und der Wiener Klassik. Vorbild für den bedeutendsten
Bachsohn ist neben dem Vater besonders sein Vorgänger im Amt des
Kirchenmusikdirektors in Hamburg, Georg Philipp Telemann, der im übrigen auch
sein Patenonkel ist. Mit Telemann beginnt das aufstrebende und wohlhabende Bürgertum
der Hansestadt, ein eigenständiges, von der Kirche unabhängiges Musikleben zu
etablieren. In diesem Sinne ist das geistliche Oratorium „Die Israeliten in
der Wüste“ von C. P. E. Bach dem Geschmack der Zeit und den Ideen der Aufklärung
entsprechend ein Werk, das sich einer ungekünstelten, natürlicheren Musikästhetik
verschreibt. C. P. E. Bach ist der wichtigste Vertreter dieser Ästhetik der
sogenannten „Empfindsamkeit“, die Voraussetzung auch für die Wiener Klassik
ist (für Haydn ist C. P. E. Bach das wichtigste Vorbild!).
Zwischen den beiden Teilen des Oratoriums erklingt die Vertonung des „Heilig“ für zwei vierstimmige Chöre, das zu Bachs Hamburger Zeit zu seinen berühmtesten Werken zählte. Das kurze Werk ist sehr abwechslungsreich komponiert. Homophone, fugierte, doppelchörige Abschnitte und sogar hymnische Unisonopassagen, die an Mendelssohns Choralbearbeitungen (vgl. „Lobgesang“) erinnern, wechseln sich ab. Carl Philipp Emanuel Bach verwendet dabei sehr ausdrucksstarke dynamische Kontraste und eine in seiner Zeit geradezu schockierende Harmonik.